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Interview mit Monika Treut

Du hast Dich in den letzten Jahren ganz auf Deine Dokumentarfilmarbeit konzentriert. Warum hast Du Dich jetzt für einen Spielfilm entschieden?

Für mich ist der Reiz beim Dokumentarfilm immer das Abenteuer, eine Reise mit ungewissem Ausgang anzutreten. Weil der Dokumentarfilm in Deutschland in den letzten Jahren durch die Fernseh-Sender — ohne deren Beteiligung ja fast nichts mehr geht — sehr formatisiert wurde, hatte ich wieder Lust im Spielfilmbereich zu arbeiten. Im Moment scheint mir im Low-Budget-Spielfilm mehr Freiheit zu sein, ungewöhnliche Geschichten zu erzählen.

Wie entstand die Idee zu GHOSTED?

Die Idee zu GHOSTED ist durch eine der Protagonistinnen meines Dokumentarfilms Den Tigerfrauen wachsen Flügel — die Schriftstellerin Li Ang aus Taiwan — an mich herangetragen worden. Li Ang hatte mich mit taiwanesischen Geistergeschichten bekannt gemacht und regte an, dass ich einen Roman von ihr verfilme. Das Projekt hat sich dann zerschlagen. Zurück in Hamburg ergab es sich durch eine glückliche Fügung, dass die junge Autorin Astrid Ströher mir eine Idee für eine Doppelgänger-Geschichte gab. Daraus hat sich etwas sehr Spannendes entwickelt: eine Vermischung des asiatischen Geistermotivs mit dem Motiv des Doppelgängers, das aus der deutschen Romantik stammt.

Kannst Du das Motiv der asiatischen Geistergeschichten noch ein bisschen ausführen?

In Asien, speziell auch in Taiwan, gibt es sehr viele Geistergeschichten. Sie beruhen auf der Ahnenverehrung. In Taiwan gibt es in fast allen Wohnungen Altäre mit Fotos der Ahnen. Sie werden besonders im Geistermonat geehrt. Dann versammeln sich die Familien mit Freunden und Nachbarn, um Geistergeld zu verbrennen und Opfergaben für die Verstorbenen darzureichen, Speisen und Früchte, die alle eine bestimmte Bedeutung haben. Es wird den Ahnen etwas gegeben, sodass sie friedlich gestimmt sind. Der Hintergrund für diese Rituale ist eine große Angst. Es ist die Angst, den Vorfahren nicht genug Liebe gegeben zu haben, sich nicht genug um sie gekümmert zu haben, die Angst, dass die Verstorbenen als Geister zurückkehren, um die Lebenden zu verfolgen und sich zu rächen. Mich fasziniert auch das Ritual des Verbrennens von Geistergeld. Es wird nicht nur taiwanesisches Papiergeld verbrannt, sondern auch chinesisches Festlandsgeld, falsche amerikanische Dollars und andere Währungen, die der verstorbene Geist benötigen könnte, um in seiner Zwischenwelt zu existieren.

In westlichen Geistergeschichten hat der Spuk zu guter Letzt immer ein Ende. Für die Chinesen scheint er nie vorbei zu sein?

In Taiwan ist die Welt der Toten nicht von der der Lebenden getrennt. Wenn der Geistermonat anfängt, wird das Tor zwischen der Welt der Toten und der Lebenden geöffnet. Die beiden Welten sind sehr eng verbunden. Wenn man sich dagegen unser westliches Doppelgänger-Motiv aus der Romantik anschaut, ist es eher psychologisch begründet und nach innen gerichtet. Die deutschen oder auch angel­sächsischen romantischen Mythen entstanden aus einer psychologisch verinnerlichten Angst. Wohingegen das Spannende und auch das Befreiende an der taiwanesischen Geistermythologie ist, dass alles nach außen gewendet wird. Dass alles mit Krach stattfindet, mit Rauch, mit Feuer und sozusagen die Angst vor den Toten richtig zelebriert wird. Es ist ein fröhliches Fest.

Die chinesische Geistermythologie ist schon tausende von Jahren alt, wird aber nur noch in Taiwan aktiv gelebt. Gibt es dafür gesellschaftliche Hintergründe?

Taiwan ist eine Insel, die im 17. und 18. Jahrhundert von Han-Chinesen besiedelt worden ist, die diese Geistermythologie vom Festland mitgebracht haben. In der Volksrepublik China ist diese Mythologie extrem beschränkt worden — nicht zuletzt durch die Kulturrevolution. In Taiwan haben sich die Geistergeschichten erhalten, die bis heute sehr intensiv gelebt und gefeiert werden.

Bedeutet es, dass die taiwanische Gesellschaft liberaler ist?

In Taiwan ist die erste und einzige Demokratie in der jahrtausendealten Geschichte der chinesischen Kultur erkämpft worden. Seit dem Jahr 2000 ist Taiwan eine voll entwickelte Demokratie, die stark durch die japanische und die amerikanische Kultur beeinflusst wurde. Aus diesem Konglomerat verschiedenster Einflüsse hat sich eine vielfältige Gesellschaft entwickelt, die auf der einen Seite hochtechnologisch ausgerichtet ist, sehr modern und schon fast futuristisch — und auf der anderen Seite noch die uralten Traditionen in sich trägt. Es gibt an jeder Ecke einen Tempel. Die vorherrschende Religion in Taiwan wird bestimmt durch eine Mischung aus buddhistischen und taoistischen Elementen, die eng mit dem Alltag verbunden sind. Die Tempel sind gesellige Orte, wo sich jung und alt trifft und für jede Lebenssituation Unterstützung sucht. Junge Leute laufen vor Prüfungen in die Tempel und zünden Räucherstäbchen an — dieselben Leute, die den ganzen Tag am Computer sitzen. Das ist überhaupt kein Gegensatz in Taiwan. Es ist eine spannende Gesellschaft, weil sie so viele Widersprüche in sich trägt.

Gibt es in der Geschichte von Taipeh und Hamburg Verbindungen?

Hamburg hatte einmal — wie fast alle Hafenstädte — eine Chinatown. Traurigerweise ist diese Chinatown, die ihr Zentrum in der Schmuckstraße auf St. Pauli hatte, durch den Faschismus zerstört worden. Unter dem Vorwand, dass sie Spionage für die Alliierten geleistet hätten, wurden viele Chinesen in Konzentrationslager verschleppt. Die meisten der Überlebenden verließen Deutschland. Heutzutage möchte sich Hamburg auch aufgrund der Politik des jetzigen Bürgermeisters als »Tor zu China« profilieren. Die Hansestadt ist vor allen Dingen Handelspartner der Volksrepublik und dadurch leben heute wieder relativ viele Chinesen hier. Es gibt aber auch — und das wird oft vergessen — viele Taiwanesen, die hier leben. Die Taiwanesen kamen zum großen Teil in den 60er und 70er Jahren nach Hamburg um Restaurants zu eröffnen. Dadurch gibt es in Hamburg eine Community von etwa tausend Taiwanesen, die ursprünglich mit Restaurants angefangen haben, jetzt aber hauptsächlich im Bereich von Computertechnologie und Logistik arbeiten und hier ihre Firmenniederlassungen haben. Aus verschiedensten Gründen sind sie aber kaum in das Leben der Hansestadt integriert. Ein Grund ist sicherlich, dass die Bundesrepublik Deutschland aus Angst vor der Volksrepublik China keine offiziellen diplomatischen Beziehungen zu Taiwan hat.

Durch meinen Dokumentarfilm Den Tigerfrauen wachsen Flügel, der drei Generationen von taiwanesischen Frauen porträtiert, habe ich gute Kontakte zur taiwanesischen Community in Hamburg bekommen. Dank der gewonnenen Freundschaften konnte ich gut für GHOSTED recherchieren, auch in taiwanesisch geführten China-Restaurants. Das gesamte chinesische Restaurantwesen befindet sich sehr stark im Umbruch. Die China-Restaurants verdienen immer schlechter, weil chinesisches Essen in Deutschland als Billigessen gilt. Etliche Taiwanesen haben deshalb mittlerweile ihre China-Restaurants abgegeben — an Volksrepublik-Chinesen, an Vietnamesen, an Thailänder, Koreaner, Philippinos. Und das ist auch ein Hintergrund für unseren Film, für Ai-ling, die junge Taiwanesin, die ihren Onkel besucht, der hier ein China-Restaurant führt.

Die Geschichte von GHOSTED spielt auf verschiedenen Zeitebenen, die in ineinander geschoben werden. Warum hast Du Dich für diese Struktur entschieden?

Es geht es um den Tod einer Figur und es geht darum, wie die anderen damit umgehen. Wir beginnen mit der Vergangenheit der jungen Taiwanesin Ai-ling und springen dann mit Sophie in die Gegenwart, nachdem der Todesfall geschehen ist. Die Erinnerungen an die Tote kehren wie ein Trauma zurück und unterbrechen die Struktur der linearen Erzählung. Die Grenzen von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft werden dadurch aufgehoben und in einen Schwebezustand versetzt. Durch die Figur der geheimnisvollen Journalistin Mei-li entsteht zusätzlich etwas Mehrdeutiges und Geheimnisvolles, was sich nicht restlos aufklären lässt.

Die Geschichte dreht sich aber auch um die Liebe. Aus Sophies westlicher Sicht geht es um den Verlust der Geliebten und dass ihr erst dadurch bewusst wird, was sie ihr bedeutet hat. Es geht um Versäumnisse und die Trauer, die aus der Erkenntnis entsteht, etwas nicht gelebt zu haben. Die asiatische Perspektive hat eher mit dem Tod zu tun: Ai-ling ist jung gestorben, sie hat in ihrem Leben noch nichts hinterlassen. Der »Geist«, der sich auf die Spur von Sophie heftet, möchte herausfinden, ob diese junge Frau geliebt wurde. Am Ende des Films werden dann beide Aspekte zusammengeführt, sodass der »Geist« wieder entschwinden kann: Sophie hat den Prüfungen des Geistes standgehalten — sie hat sich nicht verführen lassen — und der biologische Vater bekennt sich endlich zu seinem Kind. Nun kann die Tote in Frieden ruhen und der »Geist« hat seine Aufgabe erfüllt. Und die deutsche Sophie kann von ihrer Geliebten Abschied nehmen und hat etwas von der fremden Kultur in sich aufgenommen.

Warum hast Du Dich für Inga Busch in der Rolle der Sophie Schmitt entschieden?

An Inga Busch als Sophie dachte ich schon, als wir das Drehbuch geschrieben haben. Ich finde, sie ist eine risikofreudige Schauspielerin, die nicht so »glatt« ist, wie viele ihrer Kolleginnen. Es war für Inga allerdings eine komplizierte Rolle, weil sie fast nur englischen Dialog hatte und sich in einer ihr völlig fremden Kultur bewegen musste. Dazu kamen die krassen Bedingungen unseres Low-Budget-Films: eine extrem kurze Drehzeit, nur 23 Tage, die strapaziöse Reise nach Taiwan, das Jetlag, unter dem sie tagelang litt, das alles hat Inga schon sehr strapaziert.

Um Deine taiwanesischen Schauspielerinnen zu finden, musstest Du mehrere Castings in Taiwan machen. Welche Erfahrungen hast Du dabei gemacht?

Wir hatten keine Casting-Agentur, sondern ich habe die Schauspieler/innen über das Netzwerk der befreundeten Filmemacher in Taiwan gefunden. Die Rolle von Ai-ling zu besetzen war mit vielen Umwegen verbunden, bis wir eher zufällig auf Huan-Ru Ke gestoßen sind, eine junge Schauspielerin, die noch nicht viel Erfahrung hatte. Aber schon beim ersten Treffen wußte ich, dass Huan-Ru die ideale Ai-ling ist, weil sie eine innere Kraft verbunden mit einer rührenden Unschuld ausstrahlte. Ting Ting Hu für die Rolle von Mei-li zu gewinnen war ein großer Glücksfall. Sie ist sozusagen ein »citizen of the world«, sie hat — außer in Taiwan — auch in England und Amerika gearbeitet und gelebt.

Du hast für Deinen Film Jack Kao gewonnen — einen echten Star in Taiwan. War das schwierig?

Ich hatte Jack Kao, der den Onkel spielt, vorher schon in etlichen Filmen z.B. von Hou Hsiao-hsien gesehen. Jack wird oft als zweilichtige Figur eingesetzt und hat ein finsteres Image in Taiwan und Hongkong. Wenn er ein Lokal betritt, haben die Leute Angst, weil sie denken ein Gangster taucht auf. Aber in Wirklichkeit ist Jack Kao ein sehr liebenswürdiger Mann. Er ist Buddhist und sehr familienorientiert und alles andere als ein Gangster. Wir haben ihn auch gewinnen können, weil Jack Interesse hatte, einmal in einem westlichen Filmprojekt mitzuspielen. Als Jack beim Vorsprechen zur Tür rein kam, war für mich alles klar, weil Jack eine so starke Präsenz entwickelt, dass das Vorsprechen hinfällig war und wir uns sofort über die Rolle unterhielten.

Yi-Ching Lu, die eine Doppelrolle spielt, hat keine professionelle Schauspielausbildung. Wie bist Du auf sie gestoßen?

Mit Yi-Ching Lu bin ich schon seit einigen Jahren befreundet, wir haben uns auf einem Filmfestival in Taiwan kennengelernt und ich wurde zum Stammgast in ihrem Caféhaus, das sie jahrelang neben ihrer Schauspieltätigkeit führte. Durch ihre Arbeit in Ming-Liang Tsais Filmen ist sie mittlerweile in Taiwan zu einem Star geworden. Sie spielt zu ihrem Leidwesen fast immer nur Mutterrollen, obwohl sie immer noch eine sehr jugendliche Erscheinung ist und ein Talent für komische Rollen hat. Yi-ching war dann auch etwas betrübt, als ich ihr wieder nur eine Mutterrolle angeboten habe. Die Entschädigung dafür war, dass sie eine Doppelrolle spielt, nämlich Ai-lings Mutter in Taiwan, aber auch ein paar Drehtage in Hamburg bekam als Mutter von Patrick. Yi-ching Lu liebt Europa und die Drehzeit in Hamburg hat sie dann etwas ausgesöhnt.

Ihr musstet in drei Sprachen drehen. Wie habt ihr die Probleme bewältigt?

Wir hatten ein Sprachgewirr, nicht nur am Set, sondern auch schon in der Vorbereitung. Das Drehbuch wurde erst auf Deutsch geschrieben, dann ins Englische übersetzt und dann vom Englischen ins Chinesische übersetzt. Beim Regieführen mit chinesischem Dialog war es kompliziert, weil ich nicht wirklich beurteilen konnte, wie was gesprochen wurde. Die Lösung war meine Mitarbeiterin Nai-Wen Chang, eine junge taiwanesische Theaterregisseurin, die ich hier in Hamburg kennen gelernt habe, weil sie hier studiert hat. Nai Wen ist in beiden Kulturen Zuhause. Sie hat mich auch schon während des Dialogschreibens beraten und war dann an meiner Seite als interkulturelle Beraterin und Übersetzerin.

War es schwierig, die Liebesszenen zu drehen?

In Taiwan gibt es ein spezielles Verhältnis zur Sexualität, und das war beim Drehen der Liebesszene besonders virulent. »Frontal nudity« ist ein Reizwort bei den taiwanesischen Schauspieler-Agenten. Es ging immer sofort darum: was ist mit »frontal nudity«, was müssen die Schauspielerinnen hier zeigen? Das war immer ein ganz heißes Eisen. Es hat zum Teil mit dem Konfuzianismus zu tun. Man zeigt seinen Körper nicht. Erotik und Sexualität spielen sich sehr privat ab, sehr intim. Man kann sich vorstellen, dass die Liebesszene, so zart sie in ihren Andeutungen ist, für die junge Schauspielerin Huan-Ju ein Problem darstellte. Inga Busch hat dann sehr geholfen mit ihrer entspannten Haltung zu ihrem Körper, aber dennoch war es eine Schwierigkeit. Wir hatten ein »closed set«, wir haben ohne Ton gedreht, weil die beiden Tonmänner nicht dabei sein durften. Wir haben es so einfach wie möglich gemacht für die junge Schauspielerin aus Taiwan, die vorher große Angst hatte.

Obwohl Sexualität und vor allem auch Homosexualität ein Tabuthema sind in Taiwan, hast Du es geschafft, die erste deutsch-taiwanesische Co-Produktion mit einem lesbischen Thema durchzusetzen. Welche Schwierigkeiten musstest Du dabei überwinden?

Diese Co-Produktion zwischen Taiwan und Deutschland war nicht unkompliziert. Es ist die erste offizielle Co-Produktion des GIO — Government Information Office — in Taiwan, der offiziellen Regierungsfilmförderung, mit einer westlichen Produktion. Wir hatten einige Hürden zu überwinden. Ich musste vor etwa 15 Gremiumsmitgliedern sehr genau Rede und Antwort stehen. Es ging u.a. auch um die Frage: »Was will diese deutsche Regisseurin hier? Wieso sollen wir ihr unsere Steuergelder geben?« Die ganzen Kinderkrankheiten eines Landes, das keine Co-Produktions-Erfahrungen hat. Wir haben das alles geduldig in langer Arbeit durchgestanden. Es hat natürlich nicht geholfen, dass der Film auch eine lesbische Beziehung zum Thema hat, was zwar in Taiwan nicht mehr direkt ein Tabuthema ist, aber immer noch mit Argwohn betrachtet wird. Taiwan hat sich im Gegensatz zur Volksrepublik China, wo bis vor kurzem Homosexualität noch bestraft wurde und Homosexuelle im Gefängnis oder in der Psychiatrie landeten, schon sehr viel weiter entwickelt.

Du hattest PTS schon von Anfang an als Co-Produzenten dabei, aber Du hast Dich dann entschieden, noch eine taiwanesische Produktionsfirma dazu zu nehmen.

Der kleine öffentlich-rechtliche Sender PTS, mit denen ich auch schon die beiden Dokumentarfilme gemeinsam produziert habe, war von Anfang an dabei, weil wir sehr gute Erfahrungen miteinander gemacht haben. Während ich dann die zähe Finanzierung in Deutschland betrieben habe, ergab sich zum ersten Mal die Möglichkeit, mit der taiwanesischen Filmförderung eine Co-Produktion zu machen. Allerdings ist das ja wie überall damit verbunden, dass man eine ortsansässige Firma als Co-Produzenten dazunehmen muss. Die Co-Produzentinnen Li Fen Chien und Aileen Li kannte ich schon aus anderen Zusammenhängen und so hat es sich organisch entwickelt, dass die beiden Lust hatten, eine neue Erfahrung zu machen, mit einer westlichen Firma in Taiwan und Deutschland zu arbeiten. Es war — und ist noch — für alle Beteiligten ein aufregendes Pionier-Projekt, in dem wir von Anfang an ständig über kulturelle Unterschiede gestolpert sind, aber es einigermaßen geschafft haben, uns zu verständigen.

Gab es grundlegende Unterschiede zwischen Dreharbeiten in Taipeh und Hamburg?

In Hamburg haben wir in einem der kältesten Frühjahre in der Geschichte der Wetteraufzeichnung gedreht. Am ersten Drehtag hat es geschneit und das war für die taiwanesischen Schauspieler ein ziemlicher Schock. In Taiwan herrscht ja subtropisches Klima, d.h. dass es auch im Winter nicht unter 15 Grad kalt wird. Wir haben Wärmejacken, Decken, Heizstrahler ohne Ende benutzen müssen, damit unsere Taiwanesen nicht einfrieren. Und in Taiwan war es natürlich für die Deutschen nicht ganz einfach, weil das System der Arbeit ganz anders ist. Das deutsche Team bestand aus Veteranen, gestandenen Film- und Fernsehleuten, während das taiwanesische Team aus ganz jungen Leuten bestand, weil die taiwanesische Filmindustrie auch sehr jung ist und die Mitarbeiter auch noch nicht viel Erfahrung sammeln konnten. Nach den ersten zwei Drehtagen, in denen wir uns aneinander gewöhnen mussten, hat es ganz gut geklappt. Es war auf jeden Fall nie langweilig.

Musstet ihr in Taipeh mehr improvisieren?

Die Budgets in Taiwan sind wesentlich niedriger. Die Filmarbeiter schuften sieben Tage die Woche, es gibt keine Gewerkschaften. Die Taiwanesen neigen dazu, sich komplett zu verausgaben. In einheimischen Filmen arbeiten sie zum Teil zehn Tage ohne Pause bis in die Nacht hinein. So hat es auch oft Unfälle gegeben, weil die Leute komplett übermüdet mit dem Auto fahren mussten. Es sind wirklich extrem harte Bedingungen, unter denen die Taiwanesen arbeiten, und wir als deutsches Team haben gemerkt, wie priviligiert wir eigentlich sind, jetzt mal abgesehen von mir — ich habe fast immer durcharbeiten müssen, weil ich an den freien Tagen mit den Schauspielern geprobt habe und viel vorbereiten musste.

Du hast mit dem Kameramann Bernd Meiners zusammen ein besonderes visuelles Konzept entwickelt.

Wir haben in der Vorbereitung viele Filme zusammen angeschaut. Für die Geister-Elemente haben wir eine Bildsprache entwickelt, die eine zweite Ebene hinter den Bildern erzeugt, um eine Zwischenwelt anzudeuten, in der man nicht mehr weiß, ob es Sophies Projektion ist oder ob wirklich eine andere Realität zum Vorschein kommt: Blicke in den Spiegel, die hinter den Spiegel zielen, auch die Verwendung von anderen Medien, wie den Fotos und den dokumentarischen Videobildern von Sophie, die ebenfalls eine zweite Ebene zur Filmerzählung bilden und in die realistische Seite der Story hineinbrechen.

Wir haben uns entschieden, den Spielfilm auf HD zu drehen, weil wir sehr wenige Drehtage hatten und deshalb sehr schnell arbeiten mussten. Bernd Meiners ist dafür der ideale Kameramann, weil Bernd extrem zügig arbeiten kann, dadurch dass er viel Dokumentarfilm-Erfahrung hat. Er macht gerne Handkamera, was wir beide für den Film unbedingt haben wollten, um den Schauspielern mehr Bewegungsfreiheit zu geben und um eine fließende Nähe zu den Figuren zu erzeugen. Wir haben auch mit wenig Licht arbeiten können, weil wir auf High-Definition-Video drehten. Und HD hat mir auch sehr zugesagt, weil ich denke, wir hätten in der kurzen Drehzeit mit 35mm Film Schiffbruch erlitten, weil man einfach zu viel Licht setzen muss und nicht so beweglich ist.

Du gehörst zu den wenigen Filmemachern, die von Drehbuch über Produktion bis zur Regie alle Funktionen übernehmen. Lassen sich Deine Filme nur so realisieren?

Es ist aus der Not geboren, diese Personalunion zu übernehmen in diesem Fall, weil die Zutaten des Films — die taiwanesischen Co-Produzenten, die taiwanesischen Mitarbeiter und Schauspieler, die ganze deutsche Seite und auch die Schwierigkeiten bei der Finanzierung — für den normalen deutschen Produzenten viel zu viel Arbeit gewesen und viel zu wenig honoriert worden wären. Und die Durststrecken, die man dabei zu überwinden hat, sind auch nur dann durchzustehen, wenn man von ganzem Herzen überzeugt ist, dass man einen solchen Film machen möchte. Also für junge Leute auf keinen Fall zu empfehlen und für die Älteren... Naja es gibt wahrscheinlich gar nicht mehr viele, die sich auf so etwas einlassen. Ich hab's nicht bereut. Es gab schon ein paar extrem schwierige Situationen, aber ich bin mit dem Film sehr zufrieden und bin allen dankbar, die sich auf dieses Experiment eingelassen haben.

Das Interview führte Doris Bandhold.